„Frau Schröer, das mit dem Arbeiten können Sie vergessen.“

Andre Tia ich Trennung

So lautete das Urteil, dass sich der Gutachter über mich erlaubte, nachdem er 45 Minuten mit mir gesprochen hat.

Das war mein persönlicher Tiefpunkt.

Wie es dazu kam?

Bis vor wenigen Jahren führte ich ein ziemlich glückliches Leben. Meine Beziehung hatte ihre üblichen Höhen und Tiefen. Das Verhältnis zu meiner damals pubertierenden Tochter war abseits der normalen Streitereien gut, und in meinem Job als Projektmanagerin blühte ich auf.

Damit sollte es am 28. April 2012 schlagartig vorbei sein. An jenem Samstag vor über fünf Jahren kam mein Freund zu mir nach Köln, begrüßte mich mit einem Kuss und eröffnete mir wie aus heiterem Himmel, dass er sich von mir trennen wolle. Für mich brach eine Welt zusammen – und er zog übergangslos zu seiner neuen Partnerin, einer netten Arbeitskollegin.

Schnell merkte ich, dass der Kummer dieser Trennung einen tieferen Schmerz in mir triggerte, der nichts mit meinem Ex-Freund zu tun hatte.

Ich hatte eine Ahnung, woher ich diese Probleme kamen. Doch ich hatte wichtigeres zu tun. Durch die Trennung hatte meine Tochter ihre wichtigste Vertrauensperson verloren, und das zog ihr den Boden unter den Füßen weg. Sie schwänzte die Schule, brachte Alkohol mit dorthin und konnte dem Unterricht nicht mehr folgen. Die Lehrer informierten mich und rieten mir, in der Kinderpsychiatrie vorstellig zu werden.

Der Kinderpsychologe hörte sich unsere Situation an und teilte mir schonungslos mit: „Frau Albrecht, Sie gehören in Therapie! Schnellstmöglich und zwar stationär.“ Meinen Hinweis, dass ich eine alleinerziehende Mutter bin, ohne Familienangehörige, die einen engeren Bezug zu uns hätten, wischte er fort mit einem knappen: „Dann müssen Sie Ihr Kind fremd unterbringen.“

Meine Therapeutin, bei der ich seit Anfang 2011 in Therapie war, kam zu dem gleichen Schluss. In einem kurzen Telefonat mit meiner Mutter sagte diese klipp und klar, dass sie und ihr Mann meine Tochter nicht aufnehmen könnten. So ging ich zum Jugendamt, schilderte meine Situation und beantragte für meine Tochter die Heimunterbringung. Am 17.07.2012 gab ich meine Tochter ab.

Der bisher schlimmste Tag in meinem Leben.

 Zwei Monate später bekam ich einen Platz in einer stationären Einrichtung. Am Ende standen verschiedene Diagnosen im Bericht. Doch vielmehr stolperte ich über die Worte psychische Erkrankung.

Ich? Psychisch krank? Niemals.

Es fiel mir schwer zu glauben.

Es folgten mehrere Therapien, stationäre Aufenthalte und diverse Gutachter. Meine Hoffnung war zumindest eine Teilzeittätigkeit im Homeoffice. Meine Therapeuten bestätigen das auch schriftlich.

Seine Diagnose nach 40 Minuten teilte er mir kurz und knapp mit: „Sie sind arbeitsunfähig” Ich brach in Tränen aus und konnte für den Rest des Tages nur noch heulen. Es kann doch nicht im Sinne der Gesellschaft sein, dass ich wegen meiner psychischen Erkrankung einfach aussortiert werde.

Die Gutachterin des Arbeitsamtes brauchte nur 20 Minuten, um auf das gleiche Ergebnis zu kommen. Dementsprechend konnte ich dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen, durfte mich folglich nicht arbeitslos melden, um auf Jobsuche in Teilzeit zu gehen und wurde zu Hartz IV weitergeschoben.

Die DiMa – das Disability Management - stellte fest, dass in meiner Situation erstmal Erwerbsminderungsrente bei meiner zuständigen Rentenversicherung beantragt werden müsste. Dazu sei ich verpflichtet.

Berufliche Chancen für Menschen in meiner Situation

Ich bin in der zweiten Hälfte meines Lebens angelangt, da ist die Chance auf Heilung oder Reintegration ins Arbeitsleben sehr gering. Entsprechend wenig finanzielle Mittel stehen zur Verfügung für all das, was mir oder anderen Betroffenen helfen würde: bei der Therapeutin unseres Vertrauens bleiben, Kunsttherapie oder Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen.

Akademikern in meiner Situation werden noch Umschulungen angeboten, dazu zählte ich nicht. Für Menschen wie mich hat unser System zwei Möglichkeiten vorgesehen: Entweder ich machte weiter wie bisher oder ich ging in Rente. 

Doch ich wollte arbeiten. Zu meinen Bedingungen.

Durch Zufall fand ich meine persönliche berufliche Chance in Form der Digitalisierung. Ein Freund, den ich aus meinem Berufsleben kannte, machte sich selbständig. Er brauchte eine Webseite, Bilder, Facebook, Newsletter und was sonst noch so dazu gehört.

Ich ging raus, Netzwerken. Ich traf Menschen, die meine Fähigkeiten brauchten. Dieses Gefühl gebraucht zu werden, für etwas gut zu sein, hat mir so lange gefehlt.

Bisher hatte ich für mich persönlich psychische Erkrankung mit Wertlosigkeit verbunden.

Sprechenden Menschen kann geholfen werden heißt es doch immer so schön. Allerdings fällt es recht schwer über das Thema psychische Erkrankungen und die Probleme zu sprechen. Denn hierüber schweigt man tunlichst. Zu groß ist die Scham.

Bis ich auf Menschen traf, denen es ähnlich ging.

Wie Barbara Lampl, die sich offen dazu bekennt, Asperger Autistin zu sein. Und selbständig ist.

Das gab mir Mut.

Durch die Vorzüge des Internets war es mir möglich, von Zuhause aus zu arbeiten, viele Tools erleichterte mir Arbeitsprozesse, mit denen ich mich eigentlich schwer getan hatte. 

Meine psychische Erkrankung wird immer ein Teil von mir bleiben .Der manchmal mehr, mal weniger in meinem Leben präsent ist.

 Aber mit Hilfe der Mensche in meinem Umfeld (online wie offline) und den Möglichkeiten, auf die ich gestoßen bin, ist es mir inzwischen wieder möglich, zu arbeiten. Endlich.

Selbstständig, auch wenn ich das nie sein wollte.

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