Auch zu beschäftigt, um dein Leben zu genießen?

Leben genießen

Später.

Das war Nathalies Standard Antwort auf Fragen wie:

  • Wann gehen wir mal zusammen essen?
  • Wann räumst du den Geschirrspüler ein?
  • Wann können wir mal in Ruhe über das nächste Jahr reden?
  • Willst du noch ein Kind bekommen?

Ich zog sie immer damit auf, dass irgendwann auf ihrem Grabstein stünde:

Sie wollte später leben.

Und doch ertappe ich mich selbst mit Antworten wie:

  • Es ist viel los, aber ich werde mir etwas Zeit gönnen, um zu entspannen, sobald sich die Lage beruhigt.
  • So viel Arbeit, aber hoffentlich wird es nächste Woche besser.

Kürzlich ertappte ich mich dabei, wie ich jedes Mal, wenn ich gefragt wurde, wie es mir geht, eine Variation dieser Antworten gab.

Ständig beschäftigt zu sein, vermittelt mir die Illusion von Produktivität, die mich beruhigt. Mein Liebster ist eher der Meinung, bei mir bestünde die Gefahr, dass ich zu beschäftigt bin, um das Leben zu genießen.

Manche Menschen haben noch nicht mal die Wahl:

Studenten, die in Teilzeit arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren, Eltern mit zwei Jobs, mit denen sie ihre Familie über Wasser halten.

Nicht alle haben den Luxus, ihre Zeit so zu gestalten, wie es ihnen gut täte. Doch ich habe diese Flexibilität und eile dennoch von einer Aufgabe zur nächsten. Ohne jemals einen Schritt zurückzutreten, um mich zu fragen:

Genieße ich das alles wirklich? Oder halten mich diese Aufgaben tatsächlich davon ab, mein Leben zu genießen?

Die Forschung zeigt, dass wir Menschen dazu neigen, uns unter Arbeit zu begraben, selbst wenn sich die Tätigkeit für sie sinnlos anfühlt. Dr. Brené Brown von der Universität Houston beschreibt „verrückte Beschäftigung“ (crazy busy) als eine Strategie, mit der wir uns betäuben. Um zu vermeiden, uns der Wahrheit unseres Lebens zu stellen.

Ich hatte Angst vor dem Müßiggang. Denn aufzuhören bedeutete, dass ich mir wirklich überlegen müsste, was ich vom Leben erwarte und was ich derzeit habe.

Manchmal fühlt sich die Kluft, die diese Angst aufmacht, so groß an, dass wir lieber im Hamsterrad bleiben.

Ich erkenne da ganz deutlich Paralellen zu mir, in meiner ersten Führungsposition. Gefühlt war meine Position zu wichtig, als dass mich jemand hätte ersetzen können. Doch in Wahrheit verpasste ich einiges im Leben meiner Tochter.

Beschäftigt sein ist mein Abwehrmechanismus. Es ist ein Weg, um zu vermeiden, einfach nur zu sein. Denn wer bin ich dann?

Verantwortlichkeiten, Fristen, eine lange Aufgabenliste … je mehr ich davon abhake, desto besser bin ich. Wichtiger. Nur unwichtige Leute haben wenig zu tun. Doch wichtig für wen?

Zieleschrubberin hat mich deswegen jemand genannt.

Die Überlastung, fast Betäubung meiner Sinne lässt mich glauben, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Oder zumindest Richtung stimmt.

Aber der ständige Kreislauf von Aufgaben, die ich ohne nachzudenken angehe, lässt mich oft stagnieren. Schließlich blicke ich am Ende des Jahres nicht stolz auf meine alten To-Do-Listen zurück und denke:

Wow, ich habe dieses Jahr so viele Aufgaben in Angriff genommen!

Wirkliche Ziele hatte ich sehr lange nicht. Eher eine regelrechte Zielaversion. Meine Ziele nicht zu erreichen hieß für mich: Versagen. Also lieber keine setzen, dann kann ich erst gar nicht versagen.

Anstatt den Fortschritt an der Quantität unserer Arbeit zu messen, sollten wir die Qualität in Betracht ziehen. Nicht nur die Qualität des Outputs, wie sie üblicherweise durch von außen festgelegte Messgrößen gemessen wird.

Sondern die Qualität der Auswirkungen, die sie auf unser geistiges und körperliches Wohlbefinden hat:

  • Hat sich die Arbeit intellektuell anregend angefühlt?
  • Habe ich etwas Neues gelernt?
  • Hat sie mir geholfen, meine Neugier zu kultivieren?
  • Hat sie mir die Möglichkeit gegeben, mit interessanten Menschen in Kontakt zu treten?

Das sind meiner Meinung nach vernünftige Fragen, wenn die Arbeit einen so großen Teil unseres Lebens ausmacht.

 Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach.

Heraclitus

Die Zeit ist wie ein Fluss.

Wenn ich zu beschäftigt bin, um das Leben zu genießen – zu beschäftigt, um Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, zu beschäftigt, um malen zu lernen oder Gitarre zu spielen, zu beschäftigt, um auf diese Wanderung zu gehen, zu beschäftigt, um etwas Schönes für mich zu kochen – dann sind diese Momente vorbei, und ich werde diese Zeit nie wieder zurückbekommen.

Manchmal denke ich, es ist zu spät. Ich habe zuviel verpasst.

Das ist es aber nicht. Wie viele Menschen erlebe ich persönlich Zeitangst. Der immer wiederkehrende Gedanke, dass es zu spät ist, etwas Neues zu beginnen oder zu vollenden. Doch die Realität ist, dass ich höchst wahrscheinlich noch viele Jahre vor mir habe.

Zu definieren, was Qualitätszeit für mich bedeutet und Raum für diese Momente zu schaffen, ist eines der größten Geschenke, die ich mir selbst (und auch meinen Liebsten) machen kann.

Wenn du das nächste Mal überlegst, etwas Neues zu lernen, wenn dich ein Freund fragt, ob ihr etwas zusammen unternehmen oder euch unterhalten wollt, und deine automatische Antwort lautet: Ich bin einfach zu beschäftigt, nimm dir ein paar Minuten Zeit.

Überlege, ob du tatsächlich zu beschäftigt bist. Wenn das der Fall ist, ob diese Beschäftigung langfristig wertvoller für dich ist als etwas Neues zu lernen oder Zeit mit deinem Freund zu verbringen.

Vielleicht befindest du dich tatsächlich in einer vorübergehenden Phase, in der du an einem aufregenden, aber alles in Anspruch nehmenden Projekt arbeitest. Das ist in Ordnung. Solche Aktivitäten, für die du dich extrem leidenschaftlich begeisterst, sind in Wirklichkeit nährend.

Aber wenn Ich bin einfach zu beschäftigt zu deiner Standard Antwort wird, solltest du überlegen, ob es möglich ist, über einen so langen Zeitraum so eingespannt zu sein.

Nimm dir die Zeit über Alternativen nachzudenken, anstatt deinen Verstand mit Arbeit betäuben.

Zu beschäftigt zu sein, um das Leben zu genießen, zu beschäftigt, um Zeit mit den Menschen zu verbringen, die du liebst, um dein volles Potenzial auszuschöpfen, das ist es nicht wert.

Wenn du wie ich zu den Menschen gehörst, die die Wahl haben, überlege dir, wie du das Beste aus deiner komfortablen Situation machst.

Nimm dir Zeit für dich, denn es ist DEIN Leben.

Hat Nathalie noch ein Kind bekommen? Was ist aus ihr geworden? fragst du.

Ich weiß es nicht, denn wir haben den Kontakt verloren.

Wir wollten uns nochmal später verabreden.

Wie verbringst du deine Zeit? Schreibe es mir in die Kommentare!

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