Wenn das Jahr ausklingt, passiert etwas Merkwürdiges: Die Welt ruft dir zu, du sollst jetzt nochmal richtig Vollgas geben – und gleichzeitig fährt in dir alles runter. Der Körper wird leiser, der Kopf wird müder, die Seele drückt sanft auf Pause.
Und nein, das bildest du dir nicht ein. Große Branchenstudien zeigen seit Jahren das Gleiche: Ab Mitte Dezember bricht bei mehr als der Hälfte aller Beschäftigten die Produktivität massiv ein – und rund 20 % sind praktisch nicht mehr fokussiert.
Nicht, weil sie „nicht wollen“.
Sondern weil wir Menschen, genau wie Tiere, überwintern.
Überwintern heißt: dir erlauben, nicht ständig leisten zu müssen:
Kräfte bündeln, statt durchziehen.
Nicht aufgeben, sondern Tempo anpassen.
Nicht stillstehen, sondern in die Tiefe gehen.
Warum brauchen wir Menschen eine innere Winterzeit?
In der Biologie beschreibt „überwintern“, wie Tiere die kalte, dunkle Zeit meistern: Energie sparen, Aktivität reduzieren, Ressourcen schützen. Einige halten Winterschlaf, andere fahren nur ihre Systeme herunter, um Kraft für den Frühling zu sammeln.
Katherine May hat diesen Ansatz 2020 auf uns Menschen übertragen:
Auch wir haben dunkle Zeiten – und wir überstehen sie, indem wir bewusst in einen inneren Winterschlaf-Modus wechseln.
Nicht im Sinne von „nichts tun“.
Sondern im Sinne von: langsamer, weicher, tiefer.
Die Forschung stützt das:
Wenn wir gegen unsere inneren Jahreszeiten ankämpfen, steigt der Stress, das Immunsystem schwächelt, Schlaf und Stimmung leiden.
Dabei ist es egal, ob du im deutschen Winter steckst oder in Australien lebst.
Überwintern ist kein Wetterphänomen – es ist eine seelische Bewegung.
Ein innerer Rückzug, der immer dann auftaucht, wenn du Kraft brauchst: bei Überlastung, Krankheit, Trauer, Umbrüchen oder einfach einem Zuviel.
Eine kurze Definition:
Überwintern heißt, sich bewusst zurückzuziehen, die eigenen Ressourcen zu schützen und mit ruhiger Klarheit durch dunkle Zeiten zu navigieren.
Wie du deine persönliche Winterzeit gestaltest
Überwintern bedeutet nicht: raus aus der Welt.
Sondern: rein in deine Kraft.
So wie ein Baum, der seine Energie in die Wurzeln zieht, um im Frühling neu auszutreiben.
Hier sind vier konkrete Wege, wie du deinen inneren Winterschlaf bewusst gestalten kannst:
Hier findest du Hilfe
Regina Klara Herwig
- 5. Februar 2024
Friederike Hofmann
- 5. Februar 2024
Antje Busbach
- 15. Januar 2023
1. Baue dir ein Winter-Nest
Ein Ort, der Geborgenheit ausstrahlt:
- Tee griffbereit
- ein Sessel, eine Decke, warmes Licht
- ein Notizbuch für das, was in dir hochkommt
- und eine bildschirmfreie Zone
Ein Nest ist kein Design-Projekt, es gibt dir ein Gefühl von Sicherheit.
2. Passe deinen Rhythmus an
Überwintern heißt, ehrlich hinzuschauen:
- Termine reduzieren
- Puffer statt Vollstopfen
- arbeiten zu deinen stärksten Zeiten
- schlafen, wenn dein Körper Schlaf verlangt
Das ist kein „sich gehen lassen“, sondern Selbstführung.
3. Nähre dein Innenleben
Nicht produktiv, sondern heilsam:
- Bücher, die man langsam liest
- Stille, die nicht bedrohlich wirkt
- 10–15 Minuten Journaling täglich
- ein kleines Kreativprojekt ohne Ziel
Metakognition – also das Nachdenken über dein eigenes Denken – schafft Klarheit, Ruhe und innere Ordnung.
4. Beziehungen vertiefen
Nicht mehr Menschen.
Sondern echte Menschen.
- gemeinsame Mahlzeiten
- Präsenz statt Multitasking
- kleine Runden statt großer Social Overload
- Momente, die nicht bewertet werden müssen
Überwintern gelingt besser, wenn wir uns verankert und gehalten fühlen.
Fragen für deine eigene Winterzeit
- Wo spüre ich in meinem Körper, dass ich gerade langsamer werden möchte und wo zwinge ich mich noch dagegen an?
- Welche Verpflichtungen nähren mich wirklich und welche halte ich nur aus Gewohnheit am Leben?
- Welche Form von Rückzug brauche ich: Stille, weniger Menschen, mehr Schlaf, klarere Grenzen oder einfach weniger Reizüberflutung?
- Was versucht mein Körper mir zu sagen, das ich im Alltag gerne überhöre?
- Welche Angst taucht in mir auf, wenn ich darüber nachdenke, bewusst „zu überwintern“?
- Was ist eine kleine, realistische Veränderung, die meinen Dezember (oder überhaupt meine dunklere Zeit) leichter machen würde?
- Wem tut es gut, wenn ich mein Tempo überschreite und wem schadet es? (Häufig sind das nicht dieselben Menschen.)
- Welche drei Dinge darf ich jetzt bewusst loslassen, weil sie gerade mehr Kraft ziehen, als sie geben?
- Wo wünsche ich mir Unterstützung – und wer wäre eine sichere Person dafür?
- Was würde passieren, wenn ich mir erlauben würde, eine innere Winterzeit nicht mehr zu rechtfertigen, sondern einfach zu leben?
Fazit: Was passiert, wenn du dir erlaubst zu überwintern?
Wenn du bewusst in deine innere Winterzeit gehst, entstehen wichtige Fragen:
Wie würde mein Alltag aussehen, wenn Erholung denselben Stellenwert hätte wie Leistung?
Was passiert, wenn ich aufhöre, mich durch jede Jahreszeit gleich schnell zu schleppen?
Die Antworten sind individuell.
Aber eine Botschaft bleibt:
Dunkle Zeiten sind nicht das Ende. Sie sind der Anfang von innerer Erneuerung.
Überwintern heißt nicht, dass du verschwindest.
Es heißt, dass du zurückkehrst: gestärkt, sortiert, klarer als vorher.







