Das ist unprofessionell!

Das ist unprofessionell

So lautete die – für mich gefühlte – vernichtende Kritik einer recht bekannten deutschen Online Marketerin zu meiner Über mich Seite. Ich hatte ihren Kurs gebucht und in diesem Zusammenhang gab es regelmäßige Feedbackrunden.

Ihre Aussage bezog sich auf mein Video, in dem ich von meinem Weg als psychisch Erkrankte erzählte. Wie ich mir aus meiner Krise heraus ein neues Leben aufgebaut habe. Dieser Vortrag hatte mich so viel Mut gekostet.

Mit ihrem Kommentar kam meine Scham zurück.

Sie, nennen wir sie Frau R Punkt, G Punkt, nährte meine tiefsten Selbstzweifel:

Menschen mit psychischer Erkrankung sind unprofessionell. Unfähig, ihren Job professionell ausüben zu können.

Für diesen Kurs bildeten wir auch sogenannte Mastermind Gruppen: Kursteilnehmende, die sich in regelmäßigen Abständen treffen, sich austauschen, motivieren und weiterhelfen. Auch ich war Teil einer Mastermind Gruppe mit zwei anderen Frauen.

Für die sozialen Medien sollten wir Geschichten aus unserem Leben sammeln. Das allein fiel mir schon schwer genug, denn ich finde meine Geschichten stets uninteressant. Sie drehten sich auch um – oh Wunder! – psychische Erkrankungen. Denn das war es, was mich in den vergangenen Jahren tagtäglich beschäftigte, in meinem bisherigen Job als Angestellte hinderte..

In unserem nächsten Mastermind Treffen bat ich um ihr Feedback. Und wieder diese Aussage:

Das ist unprofessionell!

Wie könnte ich denn so etwas auf Facebook posten?! Anderen diese Geschichten zumuten?! Das Privatleben ginge schließlich niemanden etwas an.

Ironie (Psychische Erkrankungen haben diese unangenehme Eigenschaft, leider auch außerhalb des Privatlebens aufzutreten. Entschuldigt)/Ironie

Mit diesen Frauen habe ich danach nicht mehr gesprochen. Ich konnte mich noch nicht einmal mehr melden, um zu sagen, dass ich aussteige. War sicherlich auch unprofessionell von mir. Tut mir auch aufrichtig leid. Doch mir fehlten die Worte um zu sagen wieso.

Der Kurs war für mich gelaufen. Ich beteiligte mich nicht mehr, ich hatte genug.

Als ich einer guten Freundin von meiner Erfahrung erzählte, fragte sie mich: Steht sie in der Arena? Sie bezog sich auf den berühmten Ted Talk von Brene Brown zu Verletzlichkeit.

Ted Talk von Brene Brown – Die Macht der Verletzlichkeit

In dem Brene von ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin über Scham, Verletzlichkeit, Mut und Verbindung erzählt, von Geschichten oder Daten mit Seele – wie sie es nennt. Sie zitiert einen Auszug aus Theodore Roosevelts großartiger Rede:

Nicht der Kritiker zählt; nicht derjenige, der darauf aufmerksam macht, wie der Starke fällt oder wo der, der anpackt, es besser hätte machen können.
Die Anerkennung gebührt dem, der tatsächlich in der Arena steht, dessen Gesicht staubig und verschwitzt und voller Blut ist;
der sich wacker bemüht; der sich irrt, der wieder und wieder scheitert, weil es kein Bemühen ohne Fehler und Schwächen gibt;
aber der sich tatsächlich bemüht, Taten zu vollbringen;
der großartige Begeisterung, großartige Hingabe kennt; der seine Kraft auf eine ehrenwerte Sache verwendet;
der im besten Falle am Ende den Triumph einer großen Leistung kennt und der, im schlimmsten Falle, sollte er scheitern,
zumindest bei einem kühnen Versuch scheitert, so dass sein Platz nie bei den kalten und furchtsamen Seelen ist,
die weder Sieg noch Niederlage kennen.
Theodore Roosevelt

Das englische Original findest du hier bei Wikipedia.

Liebe Frau R Punkt G Punkt, heute weiß ich:

Unprofessionell ist höchstens deine Aussage

Zudem noch unnötig demotivierend und diskriminierend. Deine Kritik zählt in diesem Augenblick nicht, denn ich stehe hier – als psychisch Erkrankte – in der Arena, nicht du.

Es fällt mir schwer, auf all die positiven Rückmeldungen zu schauen, die doch eigentlich diese zwei negativen Feedbacks mehr als aufwiegen sollten.

Feedbacks wie diese hier:

Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern. Doch ich habe jeden Tag die Chance, die Waagschale mit positiven Ereignissen zu füllen, damit die negativen leichter wiegen.

Dafür braucht es Mut und auch positive Rückmeldungen von außen, für das, was ich, wir alle, leisten auf unserem Weg raus aus unserer Krise.

Frau R Punkt G Punkt folge ich übrigens immer noch, denn ich schätze ihr Fachwissen und sehe, dass sie ihren Lebenstraum tatsächlich lebt.

Doch vielleicht habe ich irgendwann mal den Mut, mich mit ihr über Professionalität zu unterhalten. Dann, wenn ich mich weniger unterlegen (oder unprofessionell?) fühle.

Kennst du diese Kritik? Fühlst du dich unprofessionell? Schreib es mir mutig in die Kommentare!

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